Rot-Weiß in der Presse

Botschafterin auf dem Fußballplatz

Cennet Celik (15) will als erste Schiedsrichterin in Deutschland mit Kopftuch pfeifen

Berlin – Bislang waren es zwei Regeln, die im Leben von Cennet Celik eine wichtige Rolle spielten. Die erste sieht vor, dass sie sich bedeckt. Die zweite steht im 256. Koranvers der zweiten Sure: Im Islam gibt es keinen Zwang. Cennet hält sich an beide: In der Öffentlichkeit trägt die 15-jährige Muslima ein Kopftuch und „niemand zwingt mich dazu. Ich könnte es jederzeit ablegen“, sagt sie.

Schon bald werden neue Regeln für sie wichtig sein. Zum Beispiel die, dass ein Ball in vollem Umfang die Linie überschreiten muss, damit ein Tor beim Fußball gültig ist.Cennet heißt auf Deutsch „Paradies“. Mitte August wird Cennet beim Berliner Fußballverband eine Schiedsrichterausbildung absolvieren. Besteht sie die Prüfung, wird die Tochter türkischer Einwanderer die erste Schiedsrichterin mit Kopftuch in Deutschland sein.

„Ja, das habe ich auch gehört“, sagt sie und lächelt schüchtern. Fußball hat Cennet schon immer geliebt, ihr Lieblingsklub ist Galatasaray Istanbul. Zwei Jahre hat sie gespielt, jetzt will sie selber pfeifen.

Einfach wird es für Cennet nicht. Von den 2500 muslimischen Spielerinnen, die unter dem Dach des Berliner Fußballverbands kicken, tragen nur eine Hand voll Kopftuch. Um schräge Blicke wird sie nicht herumkommen, auch von Seiten anderer Muslime. Noch bis 2007 durften in Berlin Kopftuchträgerinnen nicht mitspielen.

Schlechte Erfahrungen hat Cennet bisher nicht gemacht. Ihr geht es um den Glauben. Und darum, dass sie trotz ihrer Fußball-Leidenschaft davon nicht abweichen muss.

(Quelle: Die Welt vom 4.8.2011 – LINK)

„Ich bewundere Ihren Mut, mit Kopftuch zu pfeifen“

Ein Botschafter, eine Filmemacherin, ein Bürgermeister und eine angehende Schiedsrichterin diskutieren über die Kraft des Fußballs und die Nachhaltigkeit der Frauen-WM.

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(Quelle: Die Welt vom 12.07.2011)

Zwischen Versöhnungsprozess und Schiedsrichterschelte

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(Quelle: Welt am Sonntag Autor: Jens Bierschwale| 10.07.2011)


Den Kumpels zeigen, was eine Harke ist

Die Mädchen des Neuköllner Fußballclubs haben dem Verein einen Preis für Integration beschert

Velten Schäfer

Mit den Farben hat man es genau genommen beim Neuköllner Fußballclub Rot-Weiß (NFC). Die Fenstergriffe hat jemand rot gestrichen und auch die Gitter auf den Heizkörpern, die Innenseite der Rolladen-Halterungen und die Regalbretter an der Stirnseite des Tisches, auf denen die Pokale stehen.

Der Clubraum an der Pflügerstraße sieht aus wie jedes deutsche Vereinsheim. Dennoch, findet der Deutsche Fußball-Bund (DFB), ist der NFC etwas Besonderes. Am Dienstag nehmen die Neuköllner in Duisburg den Integrationspreis des DFB entgegen – noch allerdings wird nicht verraten, ob erster, zweiter oder dritter Klasse.

Schon die 5 000 Euro-Preisgeld für den dritten Platz könnte NFC-Geschäftsführer Hans Paczkowski gut gebrauchen – bei einem Jahresetat von 35 000 Euro. Seit 1965 ist der 75-Jährige auf dem Posten, ein halbes Leben. Damals waren sie im Verein alle junge Burschen, Arbeiter – Leute wie Paczkowski selbst.

80 Prozent Migranten

„Anfang der 70er Jahre kamen die ersten ausländischen Mitbürger in den Verein“, erzählt Paczkowski, „am Anfang zwei oder drei in jeder Mannschaft.“ Schon in den 80er Jahren waren die meist türkischstämmigen Einwanderer in der Mehrheit. „Heute sind es wohl 80 Prozent“, sagt der berentete Maurer. „Ich hatte damit nie ein Problem, wir haben ja auch zusammen gearbeitet.“

Seit Herbst 2009 sind die Einwanderer auch im Vorstand in der Mehrheit. Zwar sind neben Paczkowski auch der 1. Vorsitzende und der Jugendleiter Deutsche, doch der Rest ist türkisch besetzt. Mit Bedacht, wie der dritte Vorsitzende und „Ehrenamtsbeauftragte“ Ülver Sava sagt, ein agiler Ingenieur Anfang 40: „Klar hätte ich mich wählen lassen können. Aber wir wollten Deutsche an der Spitze.“ Sava nennt das Integration in der Integration: „Wo die Minderheit in der Mehrheit ist, muss sie selbst Rücksicht nehmen.“

Die Gründe für die DFB-Auszeichnung sind allerdings nicht im Büro zu suchen. Sie heißen Duaa und Reem, Nadin und Eda – sie sind weiblich, elf und zwölf Jahre alt und dribbeln in einer Schulturnhalle um Hütchen. Wie Eda die Sache darstellt, hat sie die Mädels zusammengetrommelt, um ihren Brüdern und deren Fußballkumpels mal zu zeigen, was eine Harke ist.

Die Kinder gehen auf dem Rütli-Campus zur Schule, der ans NFC-Gelände grenzt. Dort wurden sie von Ahmet Sözer in einer Fußball-AG rekrutiert. Sözer, 37, 2. Vorsitzender des NFC, ist im Neuköllner Kiez überall dort anzutreffen, wo es um Stadtteilentwicklung und Bildung geht; gerade ist er nicht zu sprechen, weil er auf einem Trainerlehrgang ist. „Migrantischer Mädchenfußball, Neukölln, Rütli – das sagt halt jedem was“, sagt Sava. Die Schul-Kooperation soll nun ausgebaut werden, ältere Spieler sollen jüngeren bei den Hausaufgaben helfen.

Mitgeehrt fühlt sich durch den Preis auch der Berliner Fußballverband (BFV) – und das sei „durchaus berechtigt“, wie der Sportsoziologe Silvester Stahl von der Uni Potsdam sagt: „Der BFV ist bei der Integration weit vorne“. Im Präsidium wirkt seit 2004 Mehmet Matur als migrantischer Pionier. Der 50-Jährige ist einst zum Studieren gekommen, inzwischen ist er im Sportwarenhandel. „Rund 35 Prozent der BFV-Mitglieder sind Migranten“, sagt er, „man musste reagieren“.

Matur hatte lange als Offizieller bei Türkiyemspor gearbeitet, dem erfolgreichsten „ethnischen“ Fußballverein der Stadt, der Anfang der 90er – kaum 15 Jahre nach seiner Gründung – fast in die Zweite Bundesliga aufgestiegen wäre. Matur ist das Bindeglied zu den „ethnischen“ Clubs.

Fast jeder fünfte der 250 Berliner Liga-Clubs ist eine „migrantische Gründung“, wie Kevin Langner vom BFV vorrechnet. Der 29-Jährige betreut hauptamtlich den Integrations-Ausschuss, dem Matur vorsitzt. Weil es akute interkulturelle Probleme Anfang Februar nicht gibt, sitzen die beiden im „Casino“ der BFV-Villa und Matur erzählt von früher.

Der „ethnische“ Fußball in Berlin startete 1965 mit Türkspor. Andere Vereine folgten, doch lange mussten sie „um Freundschaftsspiele betteln“, erzählt Matur. Mitte der 70er durften sie in der Freizeitliga mitmachen. Inzwischen sind sie unverzichtbar: Wenn die Migranten nicht übernehmen, stirbt mancherorts das Vereinswesen aus.

„Das Problem der Einwanderer-Vereine ist die Organisation“, erklärt Sportsoziologe Stahl in einer aktuellen Studie für das Bundesinstitut für Sportwissenschaft. Die Gemeinnützigkeit will nachgewiesen, die Steuererklärung eingereicht werden, die Sportgerichtsbarkeit soll man respektieren, Trainer zertifizieren, Schiedsrichter stellen. Umgekehrt, sagt Stahl, sei es wichtig, „mehr über diese Vereine zu wissen.“

Bündnis von Minderheiten

Auf diese Weise könnten etwaige Konflikte erkannt werden: Wenn ein Team wie Al-Dersimspor aufläuft, erkennt nur der Türkischsprachige das Bündnis zweier Minderheiten, die manchem Hürriyet-Leser suspekt sind: „Al“ steht hier für alevitisch, „Dersim“ ist der kurdische Name einer Stadt, die man in der Türkei nicht so nennen darf. Während bei den deutschen Vereinen politische Orientierungen inzwischen längst abgeschliffen sind, sagt Stahl, gibt es unter den Migrantenklubs „Tendenzvereine“ jeglicher Richtung. „In Berlin sind harte Konflikte selten geworden“, sagt Matur, „das beginnt hinter der Stadt.“ In einem Programm hat der BFV inzwischen Vertreter jedes zweiten „ethnischen“ Vereins in Organisationsfragen geschult.

Im NFC-Heim hat sich bei den alten Geschichten der deutsche Teil des Vorstands um Paczkowski geschart. Doch schon bald geht es wieder um morgen. Jugendleiter Christian Mitterle sagt, statt 17 könnte er 20 Teams aufstellen, wenn er nur mehr Betreuer hätte.

(Quelle: Berliner Zeitung vom 13.02.2010, Link )

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